Ich mache diesen Scheiß jetzt seit 20 Jahren. Ich habe schon mit Apple gearbeitet, da wussten die meisten noch gar nicht, dass es Apple überhaupt gibt. Und genau deshalb finde ich es so erschreckend, in welche Richtung sich dieser Konzern entwickelt hat.
Apple hat unfassbar viel Geld, Know-how und hoch talentierte Mitarbeiter. Ein Unternehmen mit diesen Möglichkeiten sollte eigentlich in der Lage sein, technologische Maßstäbe zu setzen. Stattdessen bekommen wir Produkte, bei denen Anspruch und Wirklichkeit für mich immer weiter auseinandergehen.
Nehmen wir die Vision Pro. Ein wahnsinnig hässliches Ding, völlig Apple-untypisch, mit einem Battery Pack und Kabeln, die da heraushängen. Oder die Apple Watch Ultra, die seit vier Generationen mit praktisch demselben langweiligen Design daherkommt. Die normale Apple Watch hat sich zumindest seit der Series 11 ein Stück weit weiterentwickelt. Aber auch hier zeigen andere Hersteller, was gestalterisch und technisch möglich ist.
Und dann das iPhone. Ein Telefon, das an Langeweile kaum zu überbieten ist. Trotzdem wird Apple immer wieder als Maßstab für Innovation dargestellt. Mein Eindruck ist, dass die Marke inzwischen häufig mehr leistet als das Produkt selbst.
Genau darin liegt für mich das eigentliche Problem. Es geht nicht einfach darum, dass mir einzelne Apple-Produkte nicht gefallen. Apple steht beispielhaft für eine Entwicklung, die ich zunehmend kritisch sehe: Unternehmen können Milliarden verdienen, obwohl sie ihre Produkte aus meiner Sicht längst nicht mehr so grundlegend weiterentwickeln, wie es ihre Möglichkeiten erlauben. Die Marke ist etabliert, das Marketing funktioniert und eine treue Kundschaft verteidigt die Produkte. Der Druck, wirklich etwas Neues und Besseres zu schaffen, scheint dadurch geringer zu werden.
Das funktioniert allerdings nur, wenn die Kunden mitspielen. Und genau da wird es für mich gesellschaftlich interessant.
Ich habe gestern ein Reel einer Schauspielerin gesehen, die auf einer Apple-Veranstaltung ein Apple Duo geschenkt bekommen hat. Dass Influencer und andere Leute solche Geräte bekommen, ist völlig okay. Das passiert uns als Testern ja auch immer wieder. Interessant fand ich allerdings ihre Aussage, dass sie erst einmal schauen müsse, ob sie damit klarkommt.
Es geht um ein Smartphone. Was genau gibt es da, womit man erst einmal klarkommen muss?
Solche Aussagen höre ich mittlerweile ständig. Die Technik werde immer komplizierter, alles gehe viel zu schnell, man komme nicht mehr mit und werde von der Entwicklung regelrecht überrannt. Und das werde von Jahr zu Jahr schlimmer.
Aber warum eigentlich? Natürlich wird die Welt komplexer. Natürlich entstehen ständig neue Technologien, und niemand kann sich mit allem beschäftigen. Das ist auch gar nicht der Punkt. Was mich irritiert, ist vielmehr, wie selbstverständlich wir unsere eigene Überforderung inzwischen hinnehmen. Wir betrachten technische Entwicklung zunehmend als etwas, dem wir ausgeliefert sind, anstatt sie als etwas zu begreifen, das wir verstehen, bewerten und gestalten können.
Dabei basiert ein erheblicher Teil unseres Wohlstands genau auf dieser technischen Entwicklung. Menschen probieren Dinge aus, entwickeln neue Lösungen, hinterfragen Bestehendes und machen Dinge besser. Unsere Wirtschaft profitiert davon, und unser Alltag wird durch die Ergebnisse einfacher und komfortabler. Gleichzeitig scheint die Bereitschaft abzunehmen, sich selbst mit Technik auseinanderzusetzen und kritisch zu prüfen, was einem eigentlich angeboten wird.
Vielleicht liegt das auch daran, dass wir es uns so bequem wie möglich machen wollen. Acht Stunden Arbeit am Tag, 40 Stunden die Woche, und danach wollen wir einfach nur noch unsere Birne ausschalten. Bloß nicht noch mehr nachdenken oder etwas Neues lernen müssen. Das kann ich sogar nachvollziehen. Aber wenn wir jede Auseinandersetzung mit Komplexität vermeiden wollen, werden wir zwangsläufig abhängig von denjenigen, die uns erklären, was wir brauchen, was gut ist und was wir kaufen sollen.
Dann reicht irgendwann eine starke Marke, um uns die Entscheidung abzunehmen. Wir hinterfragen nicht mehr, ob ein Produkt wirklich gut ist, sondern suchen nach Argumenten, warum es gut sein muss. Wir geben uns mit Mittelmaß zufrieden und verteidigen es anschließend auch noch, als wäre es das Beste, was die Menschheit jemals hervorgebracht hat.
Apple ist für mich ein perfektes Beispiel dafür. Ein Produkt mit einem Apfel darauf muss offenbar nicht nur gekauft werden. Es muss auch gegen Kritik verteidigt werden. Und wehe, jemand wagt es, die Qualität, das Design oder den tatsächlichen Innovationsgrad infrage zu stellen.
Dabei ist es doch völlig legitim, ein Produkt zu mögen und gleichzeitig seine Schwächen anzuerkennen. Es ist genauso legitim, viel Geld dafür auszugeben und trotzdem festzustellen, dass ein anderes Produkt in bestimmten Bereichen besser ist. Persönliche Zufriedenheit und objektive Produktbewertung sind zwei unterschiedliche Dinge.
Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit Technik. Ich vergleiche Produkte, schaue mir ihre Stärken und Schwächen an und bilde mir meine eigene Meinung. Genau das sollte doch der Sinn von Tests und kritischen Beiträgen sein: herauszufinden, was ein Produkt tatsächlich kann, wo es überzeugt und wo es hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.
Ich habe einen guten, aber auch anspruchsvollen Job und schlicht nicht die Zeit, ständig Videos zu drehen. Deshalb kann es auch mal vorkommen, dass hier drei Wochen nichts kommt. Ich bin auf YouTube nicht angewiesen und mache das, weil ich Lust darauf habe.
Trotzdem ist selbst unter diesem kleinen Video sofort ein Apple-Fanboy dabei. Damit meine ich ausdrücklich nicht dich. Da schreibt mir jemand, ich würde die Leute beleidigen, und fragt, warum man mich überhaupt anschauen sollte. Dabei hat er offenbar nicht verstanden, worum es in meinem Video geht. Ich kritisiere einen Konzern und seine Produkte. Ich kritisiere weder die Menschen, die Apple nutzen, noch spreche ich ihnen das Recht ab, mit ihren Geräten zufrieden zu sein.
Aber offenbar wird die Kritik an einem Produkt inzwischen schnell als persönlicher Angriff verstanden, wenn dieses Produkt Teil der eigenen Identität geworden ist. Wer seinen Kauf nicht mehr nur als Kaufentscheidung betrachtet, sondern als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, empfindet Kritik an der Marke möglicherweise als Kritik an sich selbst.
Und genau dann wird eine sachliche Diskussion schwierig. Statt über Design, Technik, Qualität und Preis-Leistungs-Verhältnis zu sprechen, diskutieren wir darüber, ob jemand überhaupt das Recht hat, ein Produkt zu kritisieren. Die eigentliche Frage gerät völlig in den Hintergrund: Ist das Produkt wirklich so gut, wie behauptet wird?
Das ist übrigens kein Problem, das ausschließlich Apple betrifft. Es geht um unsere grundsätzliche Bereitschaft, Dinge kritisch zu hinterfragen. Apple ist lediglich ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie stark eine Marke die Wahrnehmung eines Produkts beeinflussen kann.
Ich erwarte von einem Unternehmen mit den finanziellen und technischen Möglichkeiten Apples schlicht mehr. Mehr Mut, mehr Innovation, mehr gestalterische Konsequenz und Produkte, die nicht allein von ihrem Namen leben. Das ist keine Beleidigung, sondern eine Erwartung an einen Konzern, der sich selbst als besonders innovativ positioniert.
Und ich erwarte auch von uns als Konsumenten mehr. Nicht, dass jeder jedes technische Detail verstehen muss. Aber dass wir uns eine eigene Meinung bilden, unterschiedliche Produkte vergleichen und Kritik aushalten können. Dass wir unterscheiden zwischen einem Angriff auf uns persönlich und einer kritischen Bewertung einer Marke, die wir mögen.
Denn wenn wir aufhören, Produkte zu hinterfragen, und stattdessen anfangen, Marken zu verteidigen, schützen wir nicht die Qualität. Wir schützen lediglich unsere eigene Kaufentscheidung vor unangenehmen Fragen.
Am Ende profitieren davon vor allem die Unternehmen. Sie können sich stärker auf ihre Marke und ihr Marketing verlassen, während wir uns daran gewöhnen, weniger zu erwarten. Und wenn die Marke wichtiger wird als das Produkt, müssen wir uns nicht wundern, wenn die tatsächliche Innovation hinter den Möglichkeiten zurückbleibt.
Für mich ist das der entscheidende Punkt: Wir sollten nicht weniger kritisch werden, nur weil die Welt komplexer wird. Wir sollten nicht aufhören, Fragen zu stellen, nur weil wir mit einem Produkt zufrieden sind. Und wir sollten schon gar nicht jeden, der eine Marke kritisiert, als jemanden betrachten, der uns persönlich angreifen will.
Wer technische Entwicklung ernst nimmt, muss auch bereit sein, ihre Ergebnisse kritisch zu bewerten. Alles andere ist keine Begeisterung für Technik. Es ist Markentreue ohne ausreichende Distanz.




